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Perlenfarm in China

Beitrag von Hans Schoeffel


Am nächsten Morgen nahm ich den vollbesetzten Flug der Dragon Air nach Shanghai. Wir landeten im mittäglichen Dunst.

Nach dem Zoll wurde ich von Mao Wei und Li Su Long erwartet. Sie trugen Anzug und Krawatte, gut geschnitten, italienischer Stil. Sie waren Angestellte der Shanghai Arts and Crafts Import and Export Corporation, Zweigstelle Pudong. Mao Wei war mein Dolmetscher, Li Su Long sollte auf der Perlenfarm "Ware" kaufen, wie man in der Branche sagt.

Süsswasser-Perlenfarm West Tai Lake
Hausboot am West Tai Lake Perlenfarm China

Wir mussten von Shanghai aus fünf Stunden nach Westen fahren, nach Wuxi, einer Millionenstadt, die für ihre Seide, Perlen, Pumps und Textilien sowie einen wunderschönen See mit mehreren Inseln bekannt ist.

Mit einem Minibus fuhren wir zum Hauptbahnhof. Es war ein einziges Tohuwabohu. Ich hatte drei Taschen voller Fotomaterial, Kamera-Ausrüstung und Kleidung, Kofferkulis gab es nicht, statt dessen kamen zwei Männer auf uns zu und erklärten, sie seien Gepäckträger. Sie waren mager, und als sich der kleinste die schwerste Tasche griff, kippte er prompt vornüber. Mit einer Hand half ich ihm beim Tragen der Tasche, über die andere Schulter hatte ich mir die 60 Pfund schwere Kameratasche gehängt. Am Fahrkartenschalter wurde ich von hinten brutal nach vorne gestossen. Ich wollte schon zurückschlagen, als ich mich herumdrehte und sah wer der Angreifer war. Die Person sah aus wie eine 1,20 Meter grosse, 300 Jahre alte chinesische Ururgrossmutter. Sie kreischte mir etwas zu und versetzte mir gleich noch einen Stoss. Weiter ging's in den Wartesaal - zusammen mit 10 000 anderen Menschen, die rauchten, spuckten, husteten und schreiende Babys auf dem Arm trugen. Zum Glück reisten wir in der Polsterklasse, wo der Sitz mit einem Bezug versehen ist. Wir warteten im Wartesaal der P.L.A. (People`s Liberation Army - Volksbefreiungsarmee), und kurz darauf wurde wir von einer Bahnbeamtin in dunkelblauer, gut geschnittener Uniform zum Zug begleitet. Die Waggons waren riesig und schwer, mit grossen Rädern, und der lange Zug war in einer schmutziggrünen Farbe gehalten. Als wir Shanghai verliessen, war es Nachmittag.


Süsswasser-Perlenfarmen benutzen Arbeitsboote für die Perlenzucht
Auf einem Arbeitsboot am West Tai Lake

Wir fuhren westwärts in ein gelblich-dunstiges Licht hinein. Nachdem wir die endlosen, öden Betonvororte hinter uns gelassen hatten, waren wir endlich auf dem Land. Ich war in China! In einem Land, von dem ich in der Schule gelesen, zu dem ich mich im Sommer am strand durchzugraben versucht hatte. Im Land der Mythen und Träume. Durch das schmutzige Zugfenster sah ich kleine Felder, Bauern, Reisfelder, Hühner und anderes Getier. Anfangs war es das ewige China der Pearl S. Buck. Aber nur fast. Alle fünf Felder gab es eine Fabrik, und wohin ich auch sah, zu beiden Seiten der Bahnlinie wurde gebaut. Es war, als erschaffe sich China noch einmal neu.


Süsswasser Perlenzucht China Operation Muschel
In die Muschel werden Mantelteilchen eingesetzt

Es war Nacht, als wir in Wuxi ankamen. Mit zahllosen anderen Passagieren stiegen wir aus, und drängten uns in dichtem Strom durch einen düsteren Bahnhof.

Wuxi war von Rauch und Staub erfüllt, beleuchtet von wenigen gelben Strassenlampen und nur gelegentlichem blaugrünen Neonlicht aus den Häusern. Es war dunkel und bedrückend, und es wimmelte von Millionen Menschen. Ich hatte ein einfaches Hotel erwartet. Das Wuxi Grand Hotel hatte indes 20 Stockwerke und war ein westliches Vier-Sterne-Luxushotel, in dem jede Menge Westler und Asiaten die Rezeption belagerten.

Yu Ping Hing, der Leiter der Aquafarm Yangshi Wuxi Jangsu China, ist der Typ des modernen chinesischen Managers: kraftvolles Kinn, kantiges Gesicht, perfekt geschnittener Anzug, Kroko-Schuhe und Handy. Mit seinem Elan und seinem Geschäfts- und Organisationstalent ist er es, der die neuen Süsswasserperlen produziert.

Süsswasserperlen-Zuchtfarmen China
Operation Muschel - Retour ins Wasser

Perlenfarm in China lag anderthalb Stunden westlich von Wuxi entfernt. Wir fuhren in Mr. Yus goldfarbenen Lexus. Beim Fahren drückte Mr. Yu in einer Art Morsecode ständig auf die Hupe. Die Strassen waren breit, wurden aber von den unterschiedlichsten Verkehrsmitteln benutzt. Lastwagen konkurrieren mit Fahrrädern und Landfahrzeugen, angetrieben von einem seltsamen Einzylinder-Universalmotor, der blaue Rauchwolken ausstiess.

Die Radfahrer beförderten alles mögliche, einschliesslich Hühner. Menschen wie Hühner schenkten dem Hupkonzert des Lexus nicht die geringste Beachtung. Unser Ziel war der West Tai Lake, ein riesiger, seichter See, der von Perlenfarmen gesäumt ist. Mr. Yu bog von der Hauptstrasse ab und fuhr durch ein kleines Dorf bis zu einer unbefestigten Strasse, die durch Reisfelder und auf traditionellen halbmondförmigen Brücken über Kanäle führte und auf die Krone eines Deichs zwischen Reisfeldern und einem Kanal bildete.


Süsswasser-Perlenfarm Kontrollarbeiten in Booten
Kontrollarbeiten auf der Perlenfarm

Wir hielten. Mit einer weltweit üblichen Geste bedeutete uns Mr. Yu, dass wir am Ziel angelangt seien. Also kletterten wir den Deich hinab und in ein zehn Meter langes Arbeitsboot. Es war aus Beton und wurde ebenfalls von diesem allgegenwärtigen Einzylindermotor angetrieben. Damit tuckerten wir durch den Kanal zum West Tai Lake. Der See war riesig - unendlich gross. Unter dem sanftblauen, gigantischen chinesischen Himmel erstreckte sich der Horizont ins Endlose. Das Wasser war gespickt mit Fischreusen und wahren Wäldern von Stangen zwischen denen Netze gespannt waren. Unterwegs wurden wir von Hunden angebellt, zumeist deutschen Schäferhunden, die auf den Decks der Hausboote Wache hielten. Mr. Yu rief über sein Handy Bernard Sham in Hongkong an Da der See nicht allzu trübe war, konnte ich durch das Wasser wie einen schwimmenden Boden eine Schicht grüner Algen sehen. Das Ganze war eher ein Nährbecken als ein See. Die Netze produzierten Algen; die Reusen wurden benutzt, um Krebse zu züchten. Der Boden aus Grundalgen wimmelte von Krabben, die in zierlichen Bambusfallen gefangen wurden.


China Süsswasser-Perlenmuschel
Ausgewachsene Süsswasser-Perlenmuschel

Es war ein ausgklügeltes System, in dem Sonnenlicht ud Nährboden benutzt wurden, um Algen zu produzieren, und diese wiederum, um Krebse und Krabben zu züchten. Der See war eine wahre Nährsuppe aus einzelligen Phytoplankton, und die war die Basis für die Perlenzucht. Das Seewasser wurde in kleine Felder umgeleitet. Wenn diese vom See abgesperrt wurden, begann das Plankton zu blühen, und die Felder wurden zu riesigen Nährschalen für die Muscheln. Die Farm bestand aus einer Landzunge, die wie ein Deich aussah. Zwei Gebäude waren die "Operationssäle" für die Muscheln. Die anderen dienten als Schlafsäle, Küchen und Lagerräume. Ich betrat eines dieser "Operationsgebäude" in dem rund 60 junge Mädcheen, etwa zwischen 15 und 25 Jahre alt, an den Muscheln arbeiteten. Sie alle waren gut gekleidet und trugen neue Sweatshirts mit westlichen Logos. Bis auf ein leises verstohlenes Gekicher wegen meines westlichen Aussehns herrschte absolute Stille im Raum. Es war eine niedriger Saal, durch dessen Fenster, die mit einem dünnen durchscheinenden Plastikmaterial bedeckt waren, das Licht vom See her eindrang. Jedes Mädchen arbeitete an einem Tisch mit Halterung für die Muschel, und auf immer zwei von ihnen kam ein Mädchen, das den Mantel präparierte.


Süsswasser Perlenzucht in China
Eine Muschel kann bis zu 30 Perlen produzieren.

Und so werden Süsswasserperlen produziert: Mit Hilfe der Farmarbeiter holt sich ein Mädchen von den "Wasserfeldern" in der Nähe der Farm ein Netz voll junger Muscheln. Diese kommen in einen mit Wasser gefüllten Zuber, dann wird ein winziger Keil zwischen die Lippen der Muschel gesteckt. Gleichzeitig wird der Mantel präpariert. Das Mädchen schneidet aus einer Spender-Muschel - Sie ist wesentlich grösser - vorsichtig den Mantel ab, die fleischige Lippe des Tieres an der Innenseite der Schale. Die dunkle Ausssenlippe des Mantels wird abgetrennt, un der Mantel wird zu einem schmalen, langen Streifen zurechtgeschnitten, der zwei Millimeter breit und 25 Millimeter lang ist. Dafür wird ein superscharfes Skalpell benutzt. Der Streifen wird auf ein Holzbrett gelegt ud dann behutsam in Stücke von einem Millimeter Breite geschnitten. Und nun kommt das Erstaunliche: Die Muschel wird in eine Halterung gelegt, und die Operateurin schiebt mit einem feinen Instrument die winzigen Mantelfragmente in die Innenlippe, den Mantel der lendenden Muschel. Das geschieht mit bis zu 30 solcher Teilchen. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass es keinen Kern gibt, keine Perlmuttkügelchen. Diese winzigen Stückchen tansplantierten Mantelmaterials erzeugen die Perlensubstanz.

Nun werden die Muscheln wieder in Netze gepackt und zu den Wasserparks oder Perlenfeldern zurückgebracht. Dort beginnen sie in der nahrhaften Planktonsuppe zu wachsen. Später werden sie in grössere Netzte umgelagert und sind nach etwa anderthalb Jahren reif zur Ernte.

Eine Handvoll Perlen im Nachmittagslicht
Eine Handvoll Perlen im Nachmittagslicht

Diese Parks, die Perlenfelder, sind milchkaffeefarben. Endlos erstrecken sie sich unter dem Himmel. Seltsame hellbraune Felder, aus denen Stangen ragen. Müssen die Muscheln kontrolliert, gereinigt oder geerntet werden, fahren Perlenfarmer mit einem Boot hinaus, das aussieht wie ein runder, hölzerner Waschzuber. Darin stehen oder sitzen sie und hangeln sich von einer Leine zur anderen. Von den neuen Jacken abgesehen (in China scheinen alle Männer Jacken zu tragen) bieten sie einen Anblick wie in uralten Zeiten.

Zur Erntezeit werden die Muscheln geöffnet. So ist es möglich, die Perle aus dem fleischigen, gelblich-orangenenfarben Gewebe zu lösen. Die winzigem Mantelstückchen haben sich in Perlen verwandelt. Behutsam werden sie in einem alten Eimer gesammelt. Dann werden sie gewaschen.

Süsswasser Perlenfarm China

Ich griff in Perlen, die noch mit dem Schleim der Muschel überzogen waren, und hatte das Gefühl sie seien lebendig. Ich wusch sie, und mit jedem Drehen und Reiben nahmen sie mehr Glanz an. Sanft schimmerten sie im Licht des West Tai Lake.

Die Tradition der Perlenzucht in China geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Der West Tai Lake wird seit langer Zeit genutzt. Er bringt perfekte Krabben und Garnelen, unendliche Mengen von Algen und Perlenmuscheln hervor.

Süsswasser Perlen werden gebohrt
Fabrik in Shanghai - Perlen bohren

Am Nachmittag, als die Farmer die Muscheln ernteten, war das Licht golden und dunstig. Ein Dunst, der aus dem Staub entsteht. Dem Staub jener Millionen von Menschen, die seit Tausenden von Jahren in diesem Land leben.

Die Perlen waren eine Ueberraschung. Sie kamen aus dem schlammigen gelblichbraunen Wasser. Aber sie selbst waren strahlend weiss, dann rötlich, dann golden. Es gab runde und flache Perlen, und es gab wunderschöne ovale. Mit meinen Fingern spürte ich die weiche, kühle Glätte der Perlen. Ich dachte an andere ausserordentliche Dinge, Geschenke Chinas an die Welt: das Porzellan, glatt, makellos, kühl bei der Berührung, dessen perfekte Glasur das Licht einfängt, sondern eine bestimmte Schattierung in sich birgt. Ausdruck der Geschichte Chinas. Die Mädchen machten eine Arbeitspause. Alle drängten herbei , um die Perlen zu berühren.

Der Boden in ihrem Schlafsaal war die blanke Erde, aber jedes Bett hatte ein Moskitonetz. Im Winter wird die Arbeit eingestellt, und die Mädchen kehren für ein paar Monate nach Hause zurück. Es ist ein einsames, abgeschiedenes Leben am West Tai Lake. Die Mädchen mit ihren kleinen, geschickten Händen sind der Schlüssel zu den Süsswasserperlen. Mr. Li war fasziniert von den frisch geernteten Perlen. Er kaufte Mr. Yu die gesamte Ernte ab. Bei Sonnenuntergang überquerten wir den West Tai Lake. Der See ruhte glatt und still und spiegelte den bleichen Himmel. Die Sonne, die am Horizont durch den Dunst drang, wurde zu einem perfekten Kreis, der seine orangefarbenen Strahlen über das Wasser des Sees schickte.

Süsswasser Perlen werden zu Colliers aufgezogen
Nach dem Sortieren und Bohren kommt das Aufziehen

Am Tag darauf sah ich in Shanghai die Früchte des West Tai Lake wieder. Mr. Li lud mich zu einem Rundgang durch die Fabrik ein. Die Perlen wurden sortiert, dann gebohrt und zu Colliers aufgezogen. Das Nachmittagslicht fiel durch das Fenster herein. Als Mr. Li Bündel aus Perlensträngen gegen das Licht hielt, leuchteten sie.

Ich verliess Shanghai, hätte jedoch um ein Haar meinen Flug verpasst, weil wir in einen Fahrrad-Verkehrsstau gerieten.

Ich flog nach Hongkong zurück, der glitzernden, perlenschimmernden Grosstadt. Von Hongkong sollte mich meine Reise über den Pazifik führen. Zuerst nach Japan, dann Indonesien und ostwärts über Australien nach Französisch-Polynesien. Ein unendlich weiter Ozean produziert die Perlen unserer Welt.

Süsswasser Perlenstränge China
Süsswasser Perlenstränge gegen das Licht





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